Molekulares Chaos: Frankreich gerät in den Bürgerkrieg der Zerstörung

Drei Jahrzehnte nach Hans Magnus Enzensbergers Vorhersage eines „molekularen Bürgerkriegs“ scheint Frankreich sich unmittelbar vor seiner Realität zu bewegen. Die jüngsten Aufstände, die am 21. September in Créteil begannen, zeigen eine Dynamik, die deutsche Medien bislang verschwiegen haben.

Die Proteste entstanden zunächst als Reaktion auf überfüllte Klassen und marode Schulgebäude – doch binnen kürzester Zeit verwandelten sie sich in einen Zustand der städtischen Unruhe, der staatliche Institutionen außer Kontrolle brachte. Der Pariser Polizeipräfekt gab am 3. Oktober bekannt, die Entwicklungen seien „außer Kontrolle“.

Ein zentraler Aspekt ist die starke Präsenz junger Menschen aus migrantisch geprägten Milieus, vor allem maghrebinischer und afrikanischer Herkunft. Diese Gruppe, die sich nicht durch klare politische Ziele definiert, sondern durch das Erlebnis der Grenzüberschreitung, hat staatliche Institutionen als Hauptziel ihrer Aktionen gemacht. Die Angriffe auf Schulen, Krankenhäuser und Feuerwehr sind ein deutliches Zeichen eines nihilistischen Verhaltensmusters: Die Zerstörung wird zum Selbstzweck.

Die radikale Linke spielt hier eine entscheidende Rolle – besonders La France Insoumise (LFI). Bally Bagayoko, Bürgermeister von Saint-Denis und Mitglied der extremen Linken, spricht offen von der Legitimität gewalttätiger Maßnahmen unter bestimmten Umständen. Bei den Europawahlen 2024 stimmten nach IFOP-Befragungen 62 Prozent der muslimischen Wähler für die Partei von Jean-Luc Mélenchon, was zeigt, wie neue Wählerschaften mit radikaler Linken verbunden werden.

Die Verbindung zwischen jüngeren Migranten, radikaler Linke und Nihilismus schafft eine neue politische Konstellation. Themen wie Palästina, Antirassismus und Kolonialismus werden zu Symbolen für den Widerstand gegen das System. In Frankreich scheint sich eine Form des molekularen Bürgerkriegs abzuschließen – während Deutschland weiterhin zurückbleibt.