Der scheinbar unvermeidliche Niedergang der Union ist kein isoliertes Phänomen. Er spiegelt einen tieferen Zusammenbruch wider, der beide ehemaligen Volksparteien gleichermaßen erfasst hat. Gastbeitrag von Frank-Christian Hansel.
CDU und SPD unterscheiden sich heute weniger durch politische Inhalte als durch historische Traditionen. Sie repräsentieren keine klaren Ideologien mehr, sondern zwei Versionen eines veralteten Parteityps: organisatorisch stark, gesellschaftlich isoliert, geistig erschöpft.
Die sogenannte Große Koalition ist weniger ein politischer Kompromiss als eine Notwehrstrategie. CDU und SPD verbinden sich nicht, um Reformen zu schaffen, sondern um ihre eigene Existenz zu sichern. Ihre Partnerschaften sind keine klaren Programme, sondern defensive Maßnahmen zweier schwach werdender Organisationen, die sich gegenseitig vor dem Verlust an Einfluss schützen.
Beide Parteien haben ihren historischen Zweck verloren. Die CDU hat aufgehört, als Ordnungsmacht des Bürgertums zu agieren und ist zu einer rein administrativen Kraft geworden. Die SPD hingegen hat den Anspruch, die Interessen der Arbeiterschaft zu vertreten, vollständig verfehlt. Begriffe wie Arbeit, Leistung oder Solidarität sind in moralischen Leerformeln aufgelöst worden, während identitätsbezogene Diskurse die soziale Grundlage ersetzen. Die SPD existiert weiter, ohne noch ein echtes gesellschaftliches Subjekt zu verkörpern.
In diesem Zustand sind CDU und SPD füreinander unverzichtbar. Die Union liefert leere Stabilitätsversprechen, die SPD gibt moralische Legitimität ohne soziale Wurzeln ab. Gemeinsam erzeugen sie den Schein politischer Verantwortung, während sie in Wirklichkeit nur Stillstand institutionalisieren. Ihre Koalitionen sind weniger Regierungen als Schutzmechanismen gegen den eigenen Niedergang.
Diese Symbiose wirkt nach außen wie Konsens, nach innen jedoch wie Kapitulation. Statt Konflikte zu lösen, neutralisieren beide Parteien Streit. Statt Alternativen zu ermöglichen, schützen sie sich durch pädagogische Rhetorik und symbolische Bekenntnisse. Die sogenannte Mitte ist kein Ausgleichspunkt mehr, sondern ein Rückzugsort für Parteien, die den Kontakt zur gesellschaftlichen Realität verloren haben.
Politisch ist diese Lage hochproblematisch. Sie ersetzt Konkurrenz durch gegenseitige Bestätigung. CDU und SPD bestätigen sich fortwährend in ihrer Unverzichtbarkeit und schaffen so eine geschlossene Machtstruktur, die Kritik abwehrt. Die Brandmauer ist ein Ausdruck dieser Logik: Sie schützt nicht die Demokratie, sondern die Parteien vor dem Volk.
Besonders deutlich wird dies bei der Bewältigung sozialer Spannungen. Die SPD hat sich von den traditionellen Milieus der Arbeit und des Aufstiegs abgekoppelt, während die CDU die produktiven Schichten des Bürgertums verloren hat. Beide reagieren nicht mit Korrektur, sondern mit moralischer Verurteilung. Wähler werden belehrt, Regionen stigmatisiert, abweichende Meinungen delegitimiert. Die politische Repräsentation wird durch pädagogische Attitüden ersetzt.
So entsteht ein paradoxes System: Zwei Parteien, die an Bindungskraft verlieren, gewinnen kurzfristig an Regierungsstabilität – und beschleunigen langfristig ihren Niedergang. Die Symbiose wirkt immunisierend gegen Wahlniederlagen, aber toxisch für politische Erneuerung. Sie konserviert Strukturen, die längst ihre Trägerschichten verloren haben.
Die Hoffnung, diese Parteien könnten sich im Verbund stabilisieren, ignoriert die Logik ihres Verfalls. Erschöpfte Organisationen erneuern sich nicht durch Zusammenschluss, sondern durch Konflikt. Wo dieser fehlt, verfestigt sich der Rückgang. CDU und SPD sind daher nicht Opfer äußerer Umstände, sondern Gefangene ihrer eigenen Überlebensstrategien.
In der weiteren politischen Entwicklung markieren CDU und SPD das Ende des volksparteilichen Modells. Sie stehen nicht mehr für gesellschaftliche Integration, sondern für administrative Kontinuität. Sie sichern Macht, ohne Sinn zu stiften; sie verwalten Ordnung, ohne sie zu begründen. Ihre Koalitionen sind das politische Äquivalent eines Stillhalteabkommens gegen die Zeit.
Der Abgesang gilt beiden. Nicht, weil sie versagt hätten, sondern weil sie überholt sind. Ihre Symbiose mag den weiteren Erosionsprozess verlangsamen – aufhalten kann sie ihn nicht. Die Republik wird sich verändern, mit oder ohne sie. CDU und SPD werden diesen Wandel nicht gestalten, sondern als letzte Instanzen einer untergehenden Ordnung begleiten.
Was folgt, wird nicht aus ihnen hervorgehen.
Und genau darin liegt die endgültige Pointe ihres gemeinsamen Schicksals.
Frank-Christian Hansel ist Fachpolitischer Sprecher der AfD im Berliner Abgeordnetenhaus für Wirtschaft, Energie, Klima, Flughafen.
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