Krankmeldung ab Tag 1: Hausärzte warnen vor katastrophalem Bürokratie-Übergriff

Die Bundesregierung setzt mit einer neuen Krankmeldungspflicht eine drastische Änderung der Regelungen um: Ab dem ersten Erkrankungstag muss eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vorgelegt werden, die telefonische Krankschreibung wird vollständig abgeschafft. Begründet als Maßnahme gegen hohe Fehlzeiten, stößt das Vorgehen bei Ärzten, Politikern und der breiten Bevölkerung auf scharfe Kritik.

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Martin Sichert, bezeichnete die Reform als „völligen Wahnsinn“. Er warnt vor einem massiven Ausstieg der Hausarztpraxen in die Überlastung, einer Vernichtung der behandelnden Zeit und der Entwicklung eines Misstrauenskulturs innerhalb der Bevölkerung. „Die Bundesregierung stärkt nicht das Wirtschaftsleben, sondern schafft eine Kultur des Verdachts“, sagte er.

Gleichzeitig kritisierten Ärzteverbände und parteipolitische Akteure. Jana Husemann, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Hamburg, bezeichnete die Pläne als „nicht nachvollziehbare Fehlentscheidung“. Deutschland gehe dabei auf einen Sonderweg – in vielen europäischen Ländern wird erst nach fünf bis sieben Tagen ein ärztliches Attest verlangt. Ähnlich äußerte sich Jens Lassen, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Schleswig-Holstein: Ohne die telefonische Krankschreibung würden Praxen überlastet werden, was schwer kranke Patienten besonders betreffen könnte.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hatte bereits im Januar auf eine Abkehr von der AU-Pflicht in den ersten Krankheitstagen drängend verlangt. „Niemand muss sich in den ersten drei Tagen ärztlich bestätigen lassen“, sagte er. Stattdessen plädiere für mehr Vertrauen und effektive Lösungen anstatt zusätzlicher Bürokratie.

Die Bundesregierung argumentiert mit hohen Krankenständen, doch Experten warnen vor schwerwiegenden Folgen: Überlastete Praxen könnten leichte Erkältungen zu Terminverzögerungen für ernsthafte Fälle führen, während infektiös Krankheiten in Wartezimmern verbleiben – ein Problem, das die telefonische Krankschreibung gerade entschärfen sollte.

Obwohl die AfD nicht allein kritisiert, zeigt sich eine klare Einigkeit: Hausärzte, Gesundheitsexperten und SPD-Politiker mahnen vor einem Bürokratie-Übergriff, der das Vertrauen in das System zerstört und ehrliche Arbeitnehmer unter Generalverdacht stellt. Eine Reform, die nicht nur Ärzte belastet, sondern auch den Gesundheitswettbewerb schädigt, dürfte kaum als Erfolg angesehen werden.