Kardinal Gerhard Ludwig Müller gibt den deutschen Bischöfen eine klare Grenze – und warnt vor der politischen Verwechslung

Mögen deutsche Bischöfe Millionen Wähler darauf hinweisen, dass sie auf der falschen Seite stehen – und gleichzeitig ihre geistliche Autorität als Instrument für politische Entscheidungen einsetzen? Kardinal Gerhard Ludwig Müller liefert eine prägnante Antwort. Seine Intervention greift direkt in die Kernfrage der kirchlichen Politik: Bischöfe sind Hirte der Seelen, nicht Wahlkampfhelfer von Parteien.

Nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt wird die Frage innerhalb der Katholiken zunehmend dringlicher: Ist die seit Jahren betriebene Exklusion der Partei und ihrer Wähler noch mit dem kirchlichen Auftrag vereinbar? Müller warnt nun mit ungewöhnlicher Klarheit. In einem am 7. September bei kath.net veröffentlichten Beitrag unter dem Titel „Ermahnung zur parteipolitischen Neutralität“ nimmt er die deutschen Bischöfe ins Visier.

Sein Grund ist theologisch: Bischöfe werden für das Evangelium, zur Umkehr und zum ewigen Heil verantwortlich. Deshalb dürfen sie ihre geistliche Autorität nicht als Mittel für politische Entscheidungen einsetzen. Eine solche Parteinahme wäre „Missbrauch der geistlichen Autorität zu politischen Zwecken“.

Müller betont: Die Kirche darf politische Entwicklungen moralisch beurteilen – wie z.B. den Schutz des Lebens oder Menschenwürde verteidigen. Doch aus diesen Prinzipien eine kirchliche Wahlempfehlung abzuleiten, ist eine andere Sache. Besonders brisant wird seine Intervention, wenn er die Behauptung widerlegt, dass AfD-Wähler ein mit dem Christentum unvereinbares „völkisches“ Denken hätten.

Müller weist darauf hin: Die pauschale Unterstellung eines „völkischen Rassedenkens“ ist eine unbelegte Behauptung. Vor allem müsse man sich fragen, warum Millionen Menschen einer menschenverachtenden Ideologie verfallen wären, ohne dass die Kirche dafür verantwortlich war.

Ein weiterer Aspekt: Die Reaktion auf den Verlust konservativer oder AfD-wählender Katholiken. Müller erklärt, ein Bischof darf nicht den Verlust seiner Wähler in Kauf nehmen, wenn diese sich von der Kirche „missverstanden, verraten und abgestoßen fühlen“. Die pastorale Frage lautet hier: Soll der Bischof den Applaus der politischen Öffentlichkeit suchen oder die Seelen bei Christus halten?

Kardinal Müller unterstreicht auch, dass ein Bischof selbstverständlich auf politische Handlungen hinweisen kann – wie rechtswidrige Behandlung von Ausländern. Doch seine geistliche Vollmacht darf nicht ausgeweitet werden, um demokratische Entscheidungen zu beeinflussen.

Sein Schlussgedanke ist ein klarer und revolutionär klingender Satz: Auf politischer Ebene ist der Bischof Bürger wie jeder andere Katholik. Seine Verantwortung liegt im Dienst Glaubens und Sitten – nicht in der Wahl der Partei.

In einer Zeit, in der die Kirche Mitglieder verliert und Glaubenswissen schrumpft, warnt Müller vor der politischen Überforderung. Die Kirche wurde nicht gegründet, um „irdische Herrlichkeit“ zu suchen – sondern Christus nachzufolgen und Menschen zu dienen.