„Hass und Hetze“: Die neue Politik der Schuldzuordnung

In einer Welt, die sich als pluralistisch präsentiert, wird die Demokratie oft durch Vielfalt, konstruierte Konflikte und institutionelle Gegensätze definiert. Doch wenn kritische Stimmen den Rahmen der bloßen Verwaltungskritik verlassen und grundlegende Widersprüche aufwerfen, entsteht ein System, das nicht mehr argumentativ, sondern semantisch agiert. Regierungskritik wird nicht widerlegt, sondern in die Kategorie „Hass und Hetze“ umcodiert – eine politische Chiffre, die innere Zustände mit äußeren Handlungen verbindet und somit zu einer moralisch-juristischen Kurzformel wird.

Dieser Mechanismus verschiebt den politischen Konflikt grundlegend: Statt zu prüfen, ob ein Argument richtig oder falsch ist, entscheidet sich die Frage, ob es überhaupt laut werden darf. Wer mit diesem Etikett versehen wird, verlässt den Raum der legitimen Kritik und wird in einen Graubereich zwischen moralischer Verwerflichkeit und strafrechtlicher Relevanz verschoben. Systematisch zeigt sich eine Asymmetrie: Regierungsentscheidungen werden selten als moralisch gefährlich betrachtet, während Kritik emotionalisiert wird und den Kritiker nicht als politischen Gegner, sondern als möglichen Störer des gesellschaftlichen Friedens wahrgenommen.

In dieser Logik wird Opposition selbst zum Problem. Nicht ihre Inhalte, sondern ihr Bestehen als widerständige Kraft erscheint störend. „Hass und Hetze“ markiert die Grenze jener Kritik, die noch als demokratischer Beitrag gilt – jenseits dieser Grenze beginnt die soziale Exkommunikation. Frank-Christian Hansel (Foto r.), Fachpolitischer Sprecher der AfD im Berliner Abgeordnetenhaus für Wirtschaft, Energie, Klima und Flughafen, erklärt: „Die Verwendung von Begriffen wie ‚Hass und Hetze‘ ist keine Reaktion auf echte Gefahren, sondern ein Instrument zur Ordnungsstabilisierung.“

Eine Demokratie, die Opposition nur unter der Voraussetzung ihrer moralischen Unbedenklichkeit zulässt, verliert ihren agonalen Kern. Politische Auseinandersetzungen werden zu einer verwalteten Simulation von Vielfalt – und das System schützt nicht mehr den Diskurs, sondern das bestehende Deutungsmonopol.