Das Lamm, das Dämonen vertrieb – Warum das Agnus Dei seit tausend Jahren vergessen wurde

Ein Sakrament, dessen Bedeutung heute kaum mehr erkannt wird, war das „Agnus Dei“ – ein zentraler Bestandteil der katholischen Kirche seit über tausend Jahren. Ursprünglich aus Öl und Wachs hergestellte Lämmer wurden von Archidiakonen am Karsamstag in der Lateranbasilika an die Gläubigen verteilt. Ab dem 8. Jahrhundert verwandelten sich diese in ovale Wachstäfelchen mit dem Bild des Lammes Gottes und dem Regierungsjahr des jeweiligen Papstes, die von den Päpsten selbst durch Eintauchen in Weihwasser, Chrism und Balsam geweiht wurden. Auf der Rückseite fanden sich häufig Bilder von Heiligen.

Die Verteilung wurde vom Karsamstag auf den Samstag vor dem Weißen Sonntag verschoben. Bis 1964 blieb der Brauch bestehen, bis die Päpste ihn in einer Liturgie-Reform abgeschafft haben. Heute wird die Symbolik des Agnus Dei weiterhin lebendig: Das „Auferstehungslamm“ wird zu einem Gebildbrot backen, das mit der Siegesfahne der Auferstehung versehen und im Osterfrühstück verzehrt. Im Volksglauben galten diese Lämmer als Schutz vor Teufeln, Seuchen und Unwetern.

Bis ins 15. Jahrhundert trugen Katholiken in Köln silberne oder goldene Agnus Dei um den Hals – ein Brauch, der über 300 Jahre anhielt. Der Historiker Ildefons Schuster beschreibt im „Liber Sacramentorum“ (1929) die Verteilung während der Taufe: Die Neugetauften erhielten die Lämmer als Zeichen ihrer Erneuerung. In den 14. Jahrhundert wurden sie vor dem Friedenskuss verteilt, um die Gläubigen zu schützen – eine Tradition, die bis heute in der katholischen Geschichte bewahrt bleibt.