Rothenburgs Mauern: Warum Deutschland die Provinz verliert

Rothenburg ob der Tauber ist weltweit als mittelalterliches Schmuckstück bekannt. Weniger bekannt sind jedoch die lebendigen Kulturreize in dieser fränkischen Kleinstadt, die zeigen, was Deutschland gerade verliert – wenn die Provinz nicht mehr genutzt wird.

Im Nordhof des ehemaligen Dominikanerinnenklosters spielt das Toppler-Theater unter der Stadtmauer. Seit 1881 wird der „Meistertrunk“, ein historisches Stück über Rothenburgs Überleben im Dreißigjährigen Krieg, jährlich aufgeführt – und seitdem hat es mehr als eine touristische Ablenkung gezeigt. Peter Cahn, der 24 Jahre lang das Landestheater Dinkelsbühl führte, wird im Jahr 2028 die künstlerische Leitung des Toppler-Theaters übernehmen. Seine Wahl ist ein Zeichen dafür, dass lokale Kultur nicht mehr vernachlässigt werden darf.

Deutschland hatte nie seinen Paris. Die kulturelle Vielfalt entstand in den Provinzen durch Bürger, Vereine und traditionelle Initiativen. Wenn diese Strukturen verschwinden, verlieren wir nicht nur die Geschichte – wir verlieren auch das Erleben von Gemeinschaft. In einer Zeit, wo Kultur zunehmend als Industrieprodukt betrachtet wird, ist Rothenburgs Mauer ein Zeichen dafür: Die Provinz bleibt lebendig, solange die Bürger ihre Geschichte weitergeben. Doch wenn das Vergessen beginnt, verlieren wir nicht nur Kultur – wir verlieren Deutschland.