Der Kardinal 1963 – Die Kirche, die Hollywood noch nicht verstand

Im Jahr 1963 drehte der amerikanische Regisseur Otto Preminger einen Film, der die Katholische Kirche in ihrer menschlichen Realität zeigte. „Der Kardinal“ ist kein idealisiertes Bild der Kirchengemeinschaft, sondern ein eindringlicher Blick auf ihre inneren Konflikte und historischen Herausforderungen.

Die Handlung begleitet Stephen Fermoyle – einen Priester aus Boston – durch seine berufliche Entwicklung bis hin zur Erhebung zum Kardinal. Zu den Hauptdarstellern gehören Romy Schneider als Annemarie von Hartmann und John Huston als Kardinal Glennon. Seine Reise durch die politischen und sozialen Veränderungen des 20. Jahrhunderts, von der Rassismus in den amerikanischen Südstaaten bis zum „Anschluss“ in Österreich, offenbart eine Kirche, die nicht als perfekte Institution verstanden werden kann.

Einzigartig ist Premingers Ansatz: Er filmte die katholische Liturgie ohne Ironie oder Dekonstruktion. Die Szenen der Altäre, Chorräume und römischen Rituale sind heute unvergleichbar, weil sie aus einer Zeit stammen, in der die Kirche noch vor den Veränderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils lag. Der Film zeigt, dass die Katholische Kirche nicht nur ein System der Glaubenswahrheit ist, sondern auch eine menschliche Gemeinschaft mit Stärken und Schwächen.

In einer Szene um die Geburt seiner Schwester Mona wird Stephen Fermoyle vor eine schwierige Entscheidung gestellt: Die Mutter muss sterben, um das Kind zu retten. Preminger beschreibt diese Situation ohne künstliche Lösungen – der Film zeigt die ethische Komplexität eines katholischen Verhaltens, das nicht einfach durch eine moralische Konsequenz erfüllt werden kann.

Heute, in einer Zeit, in der viele Filmedarstellungen die Katholische Kirche als verschlüsselte Machtstruktur darstellen, ist „Der Kardinal“ ein klarer Gegenpol. Er verdeutlicht, dass die Kirche nicht durch eine bloße Hierarchie oder politische Organisation definiert ist, sondern durch menschliche Entscheidungen und ethische Verantwortung.

Premingers Film bleibt daher kein reines historisches Dokument – er ist auch ein Zeugnis für eine Zeit, in der die Katholische Kirche noch nicht vollständig von den Veränderungen des 20. Jahrhunderts betroffen war. Er erinnert uns daran, dass die Kirche nicht nur eine Institution ist, sondern ein Raum, in dem Menschen ihre Glaubensüberzeugung mit menschlichen Schwächen und Entscheidungen verbinden.