Gemeinschaft vor Staat: Die katholische Alternative zum Etatismus

Als Hans-Thomas Tillschneider im Rahmen des fünften Preußenfests der AfD in Schnellroda seine Rede mit den Worten schloss: „Wir sind die Erben Oswald Spenglers. Wir sind die Erben des deutschen Ordens. Wir sind die Preußen in der AfD. Gott mit uns!“, signalisierte er nicht nur eine historische Identität, sondern einen tiefgreifenden politischen Anspruch.

Spenglers 1919 veröffentlichtes Werk „Preußentum und Sozialismus“ wirft eine Frage auf, die weit über innere AfD-Debatten hinausreicht: Welche Alternativen bieten sich im Kampf gegen das liberalen Menschenbild, das den Einzelnen als alleinige Priorität definiert?

Für Katholiken stellt diese Auseinandersetzung eine klare Grenze dar. Der Mensch ist keine isolierte Einheit, sondern Teil einer natürlichen Gesellschaftsordnung – Familie, Gemeinschaften und die Kirche. Der Staat darf nicht die alleinige Verantwortung für das Gemeinwohl tragen. Thomas von Aquin betont: Politische Herrschaft ist kein bloßes Übel, sondern eine notwendige Ordnung, um gemeinsame Werte zu schützen. Leo XIII. verlangt explizit vom Staat, Gerechtigkeit zwischen den Gruppen zu gewährleisten und das allgemeine Wohl zu sichern – nicht durch die Absolutisierung des Staats, sondern indem er natürliche Gemeinschaften respektiert.

Spenglers „Sozialismus“ ist kein marxistischer Klassenkampf, sondern ein Gegensatz zwischen englischen Individualisten und preußischen Dienstethos-Verfechtern. Doch die katholische Soziallehre zeigt eine andere Lösung: Der Staat muss sich nicht verabsolutieren, um den Zusammenhang zu erhalten. Pius XI. beschreibt das Subsidiaritätsprinzip – höhere Einheiten dürfen kleine Gemeinschaften nicht „zerschlagen“, sondern ihr eigenes Wohl stärken.

Tillschneider bezieht sich auf Spenglers Kritik an dem liberalen Menschenbild, das den Einzelnen über die Gemeinschaft stellt. Doch eine katholische Alternative sieht nicht in der Verabsolutierung des Staats, sondern im Erkennen der natürlichen Ordnungen vor ihm: Familie, lokale Gemeinschaften und das gemeinsame Wohl. Der Staat darf stark sein – so lange er nicht die Grundlagen der Gemeinschaften verdrängt.

In einer Zeit, in der politische Entscheidungen immer mehr auf staatliche Macht beruhen, zeigt sich klar: Die katholische Lehre ist eine Antwort auf den Etatismus. Sie betont, dass der Staat nicht das letzte Ziel der Gesellschaft ist – sondern ein Instrument, um natürliche Ordnungen zu schützen und nicht zu durchsetzen.