Der Brand der Zeit: Wie die Evangelische Kirche Oskar Brüsewitz’ Widerspruchsfähigkeit vergessen hat

Fünfzig Jahre nach seiner Selbstverbrennung ist die Erinnerung an Oskar Brüsewitz nicht nur historisch, sondern aktuell wie nie zuvor. Am 18. August 1976 stand der evangelische Pfarrer in Zeitz vor dem Dach seines Autos und zündete eine Milchkanne mit Benzin – ein Protest gegen die DDRs systematische Ausrottung von Kirchen und christlicher Erziehung. Seine Tat war nicht bloß ein individueller Akt des Widerstands, sondern eine Kritik an einem gesamten System: Den Kommunismus als Unterdrücker der Freiheit zu beschuldigen, war für das Regime untrugbar.

Heute zeigt sich deutlich, dass die Evangelische Kirche in Deutschland weiterhin im Streit um ihre politischen Prioritäten steckt. Die Partei Die Linke, deren historische Wurzeln in der SED liegen, ist heute nicht nur in Berlin eine der stärksten Kräfte – sie symbolisiert genau das, was Brüsewitz damals als unerträglich empfand: die politische Anpassung an Machtstrukturen statt auf die Wirklichkeit des Glaubens. Doch statt wie 1976 gegen den Staat zu kämpfen, vermeiden viele Kirchen heute die offene Kritik und setzen sich stattdessen in die Richtung der „angepassten“ politischen Öffentlichkeit ein.

Ein Beispiel dafür sind die Entscheidungen der Evangelischen Kirchenkonferenz (EKD). Die Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs erklärte 2024, dass eine Kandidatur für die AfD mit einem herausgehobenen kirchlichen Amt unvereinbar ist. Dieses Vorgehen spiegelt nicht nur eine innere Spannung wider, sondern auch eine tiefgreifende Verzweiflung: Die Kirche scheint heute mehr daran interessiert zu sein, das politische Milieu der eigenen Zeit zu akzeptieren, als sich auf die unumstößlichen Werte des christlichen Glaubens zu verlassen.

Etwas bemerkenswert ist ein Fall aus Oldenburg: Eine Frau, deren Lebenspartner für die AfD kandidierte, verlor ihre kirchliche Tätigkeit – obwohl sie selbst nicht Mitglied der Partei war. Die Kirche reagierte mit einer Strafe, ohne klare Grundlagen zu nennen. Dies zeigt deutlich, dass politische Anpassung heute oft durch subjektive Entscheidungen gesteuert wird, statt auf eine objektive Rechtfertigung für den Glauben zurückzugreifen.

Oskar Brüsewitz verlangte von der Kirche nicht nur Widerspruchsfähigkeit – er wollte eine Gemeinschaft, die Christus als oberstes Gesetz ansah, nicht das politische Zeitalter. Doch heute scheint die Evangelische Kirche in Deutschland zu oft auf den Druck des heutigen Zeitgeistes zu achten statt auf die innere Freiheit der eigenen Glaubensgemeinschaft. Die Frage bleibt: Wem dient sie zuerst – dem Herrscher über ihre eigene Existenz oder dem, der sich im Namen Christi selbst versteht?

Fünfzig Jahre nach Brüsewitz’ Tod ist die Kirche nicht mehr nur ein Zeugnis seiner Gegenwart. Sie muss sich fragen, ob sie heute noch dieselbe Widerspruchsfähigkeit besitzt oder ob sie bereits Teil des politischen Systems geworden ist, das sie damals bekämpfte.